Bevor mir jetzt wieder von allen Seiten vorgeworfen wird, ich wäre naiv und würde blauäugig durch die Welt gehen, möchte ich gleich zu Beginn klarstellen: Ja, es gibt Tendenzen im religiösen Islam, die mir absolut nicht zu sagen, die ich ablehne, und denen eine säkularisierte Gesellschaft zu trotzen hat. Und ja, ich kann mit dem traditionell-islamischen Gesellschaftssystem nichts anfangen, so geht’s mit bei traditionell christlich oder jüdischen Systemen wenig bis nicht anders.
Wer sich bei Kritik, die speziell auf den Islam gemünzt ist, auf generelle Religionskritik herausredet, macht sich einiges zu leicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in Europa jemals ein Denkverbot bzw. Redeverbot gegen radikalen Islam, ja nicht mal gegen den modernen oder ‘Mainstream’-Islam, gegeben hätte – schon gar nicht in Österreich. Die Hetze schürt Hass, man sieht den bosnischen Mechaniker plötzlich als Freitagshassprediger und die kopftuchtragende, türkische Bäckerin von nebenan als verschleierte Schwarze Witwe. Dass Terrorismus in den letzten Jahren vordergründig aus islamischen Kreisen kam, muss man nicht bestreiten, nur kann man diese Geisteshaltung der Islamisten, nicht auf über eine Milliarde Muslime übertragen, die Lebensrealitäten haben, die sich untereinander mehr nicht unterscheiden könnten.
Lustig finde ich es, wie sich die Neo-Rechten sich in Pseudo-Intellektualismus üben. Fundiert wirkende Islamkritik ist eben viel charmanter als altbekannter Haudrauf-Ausländerhass, Thilo Sarazzin wirkt wie Pflegewaschgang. Und doch sind eben diese scheinbar geläuterten Liberalen sehr viel gefährlicher als Hooligans – sie machen Rassismus und Hass auf eine bestimmte Gruppe endlich auch europaweit für die ‘bürgerliche Mitte’ wählbar – und werden so zum nicht unwesentlichen Faktor in der Politik.
Doch die Frage drängt sich auf, warum diese Parteien, ob sie nun neue Phänomene wie die niederländische PVV oder schon seit Jahrzehnten die politische Landschaft durch Hetze und Hass verpesten wie die österreichische FPÖ, in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit genau eine einende Eigenschaft aufweisen, nämlich die Themenlosigkeit – abseits von Integrationsthemen.
Der Kampf gegen das Establishment, das beanspruchen sie auch für sich. Das Establishment ist die ‘politische Klasse’, man wirft mit Begriffen um sich, die nicht definierbar sind, bzw. eigentlich auf sie selbst zutreffen. Der Kampf des Establishments ist der Aufstand der rechten Normalos gegen ‘Die da Oben’, man wolle die Politik anders gestalten, ohne Filz und viel bürgernäher. Doch was hinter diesen hohlen Phrasen steht, durfte Österreich, meiner Meinung nach, ganze sechs Jahre unter der FPÖVP-Regierung von 2000-2006 erleben: Günstlingswirtschaft, Korruption und Misswirtschaft, Fälle wie die BUWOG-Privatisierung oder die Zerschlagung der ÖBB, zeigt das nur zu gut. Auch die Vorgängerpartei der PVV, die rechtspopulistische List Pim Fortujn (benannt nach ihrem Parteichef, der 2002 erschossen wurde), die es beim ersten Antritt gleich auf Anhieb auf Platz 2 und auch in die Regierung schaffte, scheiterte grandios an der Unfähigkeit und Gier ihrer in hohe Posten gehievten Beamten. Ihre Reformen waren alles andere als sozial, das Ziel der Neuen Rechten in Europa, ist eine völlige Liberalisierung des Lebens und menschliche Reflexe wie Mitleid für die Schwächeren auszuschalten – und dafür instrumentalisieren sie jene, die am leichtesten zu beeinflussen sind, später dafür aber die Hauptlast für die Verschulden ihrer einstigen ‘Hoffnungsträger’ tragen müssen. Man muss sich nur mal das Kleingedruckte, also alles, das nicht die Integrationsthematik betrifft, in den Pressetexten und Parteiprogrammen durchlesen, sie sprechen eine klare Sprache: Kunst und Kultur darf nur mehr Kunst und Kultur sein, wenn es die Volksidentität fördert, Familien haben traditionell aus Mann und Frau zu bestehen, sämtliche Unkonventionalitäten werden als pervers dargestellt, eine einzig wahre Norm vorgeschrieben.
Traurig stimmt es mich, wenn viele Menschen, die ich für aufgeklärt und kritisch hielt, jetzt sagen, ja, das stimmt so, und der Islam ist eine Bedrohung für unsere Werte und daher müssen wir jetzt muslimische Einwanderung stoppen. Ein Einwanderungsstop für Angehörige einer bestimmten Religion wäre ein viel größerer Verrat ‘unserer’ Werte, humanistischer Werte wie Toleranz und Nächstenliebe. Der Islam widerspricht diesen nicht per se, islamische Demagogen tun es, genauso wie österreichisch-katholisch geprägte Demagogen es tun.
Vom Kopftuch geht keine Gefahr aus, solang wir uns wirklich mit dem Fremden befassen wollen. Ich freu mich auch nicht, wenn Frauen aus religiösen Gründen ein großer schwarzer Fleck sind, nur werde ich diesen Frauen nicht aus dem Tschador helfen, indem ich den Tschador verbiete, dann streiche ich sie nämlich nur aus der sichtbaren Wahrnehmung und von den Straßen – Isolation inklusive. Bildung heißt der Schlüssel aller Dinge. Nur so lange es reaktionäre Kräfte gibt, die Bildung für alle nicht als Selbstverständlichkeit sehen, wird sich hier nichts ändern, denn Symptombekämpfung wirkt nur auf den ersten Blick.
Wir dürfen uns also eben bei diesen Parteien, die die bürgerliche Mitte repräsentieren bedanken, dafür, dass sie jahrelang zugeschaut haben, und Ghettos entstehen ließen und sich dadurch auch Bildungsgefälle auftaten bzw. nie schließen ließen. Den Rechten gefällts, die werden eben von Regierungsbeteiligung zu Regierungsbeteiligung hüpfen, irgendwo zwischen 5% und 30%. Die Zivilgesellschaft bleibt stattdessen auf der Strecke.